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Bewusster Selbstmord auf Raten

Bewusster Selbstmord auf Raten - Eine Lebens- und Leidensgeschichte

Bereits im zarten Alter von etwa dreizehn Jahren fing ich an, mich für Drogen zu interessieren. Mir ging es dabei in erster Linie um diesen so häufig als 'Bewusstseinserweiterung' deklarierten Effekt, da ich nicht glauben konnte, dass der Sinn des Lebens einzig und allein in der grauen Monotonie, die uns auch als Alltag bekannt ist, zu finden sei. Mir kam zu jener Zeit auch das erste Buch der Illuminatus-Trilogie in die Finger, die dieses Interesse, aber auch das Nachdenken über die Weltbeschaffenheit als solche, in mir zum Leben erweckte.

Als ich 14 war, hielt ich den Druck (mehr dazu später) nicht mehr länger aus. Die Suizidgedanken wurden stärker, und ich wusste, dass irgendetwas geschehen musste - irgendetwas. Also bin ich von zu Hause abgehauen und kam bei einer Chatbekanntschaft unter, dem die Sache nach einer Woche dann aber doch zu heiß wurde, so dass ich, weil ich auch nicht auf die Straße wollte, kleinlaut wieder zurückkehrte. Beinahe schon unfreiwillig komisch, dass der Verursacher meiner Kurzschlussreaktion wider Erwarten auch am Tisch saß, als ich zu Hause eintraf - dass er mir überhaupt in die Augen schauen konnte, ohne den Hauch einer Verantwortung zu spüren... Es war ein Hilferuf, der meine Situation aber eher noch verschlechtert hatte, da ich das Vertrauen meiner Eltern nun vollkommen verspielt hatte. Fortan kam es vor, dass meine Mutter mein Zimmer "aufräumte", und ich immer das Gefühl hatte, es ginge dabei um Kontrolle. Tja, und ironischerweise hatte der zuständige Kommissar gerade Urlaub, so dass ich mit einem vom Drogendezernat reden musste - als ob es den gesamten weiteren Weg bereits, jedenfalls retrospektiv betrachtet, bereits andeutete. Unnötigerweise handelte ich mir damit einen weiteren unentschuldigten Fehltag ein, weil man das ja unbedingt vormittags machen musste.

An meiner Schule wurde ich für kurze Zeit zum Star; es kamen sogar Leute aus den Parallelklassen auf mich zu, klopften mir auf die Schulter und meinten nur: "Geile Aktion!". Plötzlich wusste man, wer ich war.

An mein erstes Gras kam ich eher zufällig, aber ich weiß noch, dass ich richtig stolz darauf war, endlich etwas beschafft zu haben. Ich war mit einer Zufallsbekanntschaft in den Niederlanden, da ich nur unweit der Grenze aufgewachsen bin.

Wir waren also zu zweit danach noch in einem niederländischen Schwimmbad, und haben dort die erste Tüte meines Lebens, etwas ungemütlich auf dem Parkplatz, geraucht; da ich vorher Nichtraucherin war, habe ich aber irgendwie nur gepafft und nicht wirklich etwas gemerkt. Erst bei der zweiten Tüte, die wir abends daheim auf dem Spielplatz meiner Kindheit rauchten, wurde ich ordentlich high. Ich lag auf der Straße und sah einen Strudel von Kreisen, Dreiecken oder Quadraten, je nachdem, wonach mir gerade war. Auf dem Schützenfest schien alles in Slow-Motion abzulaufen, und der Gang von der Theke zum Tisch kam mir vor wie ein Spießroutenlauf, denn plötzlich wurde mir bewusst, dass lediglich ich langsamer wurde, und dazu all die bunten Farben... Später saßen wir wieder auf der Bank jenes Spielplatzes, und mir kam es vor, als wäre ich ein Baum, unfähig, meine Beine zu bewegen, weil sie wie in der Luft verwurzelt zu sein schienen. Wow! Schließlich reiste die Zufallsbekanntschaft wieder ab, und ließ mir etwa 2g da.

Wir haben uns ein paar Tage später mit ein paar Klassenkameraden zum Zelten getroffen, und ich weiß bis heute nicht, ob meine Freunde die Tatsache, dass ich am darauffolgenden Tag Geburtstag hatte (mein 15.), bei der Planung berücksichtigt hatten. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich eine katholischen Privatschule besuchte, und meine Freunde nicht fiel von meinem Graskonsum hielten. Für die war gerade der Alkohol interessant geworden, und so rauchte ich abseits von den anderen alleine. Alles war super, schließlich saß ich sogar mit zwei Leuten auf einer Wippe und wir unterhielten uns über ernsthafte Dinge; mein Großvater ist ein ziemlicher Wichser, er hatte mich mehrmals angefasst und mit Zunge geküsst, und ich hatte zu jener Zeit einfach niemanden, mit dem ich darüber hätte reden können. Dieses Trauma ist, wie ich heute denke, der Grund für viele meiner Probleme, denn ich fühlte mich fortan nicht einmal mehr als Teil meiner Familie, weil ja schließlich so ein riesiges Geheimnis in der Luft schwebte. Ich war aber nicht mal mehr dazu gekommen, meine Geschichte zu erzählen, da zogen die übrigen Leute mich einfach weg, rissen mich fort aus diesem Gespräch, das für mich hätte so wichtig werden können. Man hatte beschlossen, die übrigen beiden verkuppeln zu wollen - da ist natürlich nichts draus geworden. So lag ich also etwas abseits mit meinem Beutel Tabak, und mir ging es ohnehin schon immer scheiße, wenn der eigene Geburtstag anstand, an den man als Kind doch so große Erwartungen hatte und letztlich meistens enttäuscht wurde. Ich war meinen Klassenkameraden noch fremder geworden, seit die Sache mit meinem Großvater begonnen hatte; wie sollte ich diejenigen noch ernst nehmen, deren größtes Problem in nicht gemachten Hausaufgaben zu bestehen schien? Und überhaupt: Ich war schon als Kind 'anders', habe lieber mit den Jungs Fußball gespielt und dachte nach dem Schulwechsel aufs Gymnasium, dass es jetzt Zeit wäre, 'normal' zu werden und mich mit Mädchen anzufreunden. Ging ja sowieso gerade los mit dem "Das-Andere-Geschlecht-ist-Scheiße". Naja, ich lag jedenfalls da, schluckte eine ordentliche Handvoll Tabak mit der Absicht, mich ins Jenseits zu schießen. Plötzlich wurde ich wieder fortgerissen, zurück zum Campingwagen mit den Bänken, und man stimmte ein Geburtstagslied an. Ein Kuchen wurde hingestellt, und ich saß fest inmitten all dieser Menschen, die ich gerade nicht mehr sehen wollte. So zog ich mich in den Campingwagen zurück und wollte schlafen, bis in die Ewigkeit einfach nur schlafen, aber es kam anders: Der Tabak suchte sich den kürzesten Weg nach draußen; ich auch, aber ich schaffte es nur bis ins Vorzelt. Da waren alle anderen wütend, schmissen mir meine Luftmatratze vor die Füße und schlossen sich, sozusagen geschlossen, in den Wagen ein. So stand ich da mit kurzen Hosen und mit Kotze getränkten Ärmel und marschierte Runde um Runde über diesen kleinen Campingplatz, bis jemand zur Toilette ging und ich mir drei Euro für eine Schachtel Kippen schnorrte; meinen Tabakbeutel hatten die anderen im Fluss versenkt. Seit dieser Nacht rauche ich täglich.

Mit der Kifferei war allerdings erst mal wieder Schluss, sobald der Beutel leer geworden war. Erst mit 17 habe ich über ein Mädel, das nur eine Parallelstraße entfernt wohnte und auf das ich wegen dem Konfirmationsunterricht nun regelmäßiger stieß, die Möglichkeit errungen, mir in meiner Heimatstadt eigenes Gras organisieren zu können. Ich hatte mit meinen Mitschülern nie viel gemeinsam, aber durch das Kiffen unterschied ich mich in einer weiteren Sache von ihnen, genau wie mit dem Rauchen im Allgemeinen, und allmählich freundete ich mich mit meiner Außenseiterrolle an, die ich doch schon die meiste Zeit meines Lebens inne zu haben schien. In der folgenden Zeit lernte ich mehr Leute aus meiner Heimatstadt kennen, denn die Schule war 20km weit entfernt und kein einziger Mitschüler näher als 10km von unserem Haus wohnhaft - keine guten Bedingungen für tiefergehende Freundschaften, wenn dann der Nahverkehr auch noch versagt. Über meine Bekannte kam ich dann an den Skatepark, aber auch dort war ich nie Teil der Gruppe, immer noch Außenstehende. Ein bisschen Respekt konnte ich mir vermutlich durch meine Ballbeherrschung erarbeiten, aber im Grunde wusste auch ich, dass ich mit diesen Menschen allerhöchstens die Begeisterung für das Kiffen teilte. Eines Tages aber kamen zwei Punks daher, die mir sofort sympathisch waren; ich war in der Zeit auch so drauf und habe viel Punk gehört, so dass ich mich ihnen kurzerhand anschloss. Mit dem Mädel etablierte sich dann eine recht gute Freundschaft, obwohl sie um einiges älter war als ich; überhaupt schien ich insbesondere mit Gleichaltrigen nicht klar zu kommen. Bei ihr konnte ich ungestört kiffen, und schließlich traten noch zwei weitere Personen in mein Leben, die aufgrund ihrer elementaren Rolle nun mit 'L.' und 'R.' gekennzeichnet werden. Wir hatten einen richtig geilen Sommer, gingen auf Festivals, hingen am See rum und kifften ununterbrochen. Danach legte ich eine Pause ein, als die Ferien vorüber waren, und rauchte nur mal am Wochenende - bis wir auf Jahrgangsfahrt fuhren. Wir hatten ein paar Neuzugänge im Jahrgang, und ein paar meiner Freunde fingen auch allmählich an, das Kiffen wenigstens mal probieren zu wollen. Ich fühlte mich unbesiegbar, denn mir war bewusst, dass man an dieser Schule nicht im geringsten mit so etwas rechnete. Seit dieser Klassenfahrt fing ich dann an, jeden Abend zu kiffen, weil es mir emotional ziemlich scheiße ging. Die Depressionen wurden heftiger, hinzu kam der Liebeskummer und ich hatte wieder mit Suizidgedanken und Schlafstörungen zu kämpfen, auch mit Appetitlosigkeit. Innerhalb von knapp zwei Monaten hatte ich ungefähr 15kg an Körpergewicht verloren, und trotzdem erschien mir das Cannabis als Selbstmedikation ideal. Ich hatte wenigstens hin und wieder Fressflashs, musste nicht so viel grübeln, konnte sogar ab und zu mal lachen und richtig gut schlafen. Auf leisen Pfoten kam dann hinterrücks die Abhängigkeit angeschlichen, der ich mich wohlwollend hingab - Mensch ist gut darin, sich Illusionen hinzugeben, und so dachte ich, ich hätte alles unter Kontrolle. Und wie viel hatte ich dieser Droge zu verdanken! Durch das Abnehmen erst wurde ich für die Männer attraktiv, oder aber es lag an meinem Alter, denn ich wollte bestimmt nicht mit einem Gleichaltrigen etwas anfangen und mich erst Recht nicht länger binden. Es gestaltete sich trotzdem immer ein bisschen schwierig, gerade am Anfang, weil ich gewisse Berührungen einfach mit meinem Großvater assoziierte. 

Das Verhältnis zu meinen Eltern war sehr schlecht, denn ich hatte mich durch die Sachen mit meinem Großvater sehr im Wesen verändert. Ich zog mich oft zurück und zeigte keinerlei Interesse mehr an meinen Klassenkameraden und hörte auch mit dem Handball-Spielen auf. Sie wussten es ja nicht besser, ich befand mich gerade immerhin auch in der Pubertät. Wir haben oft gestritten, und ich habe noch diese Szene im Kopf, wo mein Vater meinte, dass ich wie ein Alien sei. Am Ende eines jeden Streites gab es beinahe ein Ritual; meine Mutter, die mit lauter Stimme droht, dass ein Gang zum Psychiater notwendig sei, ein Türknall - und ich bin wieder in meinem Zimmer. Ich war alleine, selbst wenn ich unter Freunden war; ich war kein Teil von überhaupt irgendetwas. Selbst beim Handball habe ich mich nie als ein Teil empfunden; ich hatte ein anderes Trikot, ja, konnte mich über einige Regeln (Ballkontakt mit Fuß z.B.) gar hinwegsetzen und hatte vor allen Dingen meinen eigenen Bereich, der allenfalls vom Schiedsrichter mal betreten werden konnte - und mit die größte Verantwortung, weil fehlender Ersatz (Verzichten müssen, das betraf auch immer häufiger Partys meiner Mitschüler, was zur Entfremdung noch beitrug, denke ich...). Das ging sogar soweit, dass ich mit 15 Jahren beinahe mit angebrochenem Ringfinger gespielt hätte, weil meinem Trainer ein Sieg anscheinend wichtiger war als meine Gesundheit, und ich habe es nur der Physiotherapeutin von der ersten Herrenmannschaft, die damals noch Bundesliga spielten, zu verdanken, dass ich davon verschont blieb. Die ist richtig sauer geworden, als ich zum Finger-Tapen zu ihr kam, und hat sich meinen Trainer dann auch erst mal gegriffen und ein kleinwenig zur Sau gemacht. Kranker Scheiß, wenn ich so drüber nachdenke.

Die Freundschaft zu L. und R. hingegen wurde ab irgendeinem Punkt sehr intensiv, es war beinahe perfekt. Wir haben uns fast jeden Tag gesehen, viel gekifft, oft einfach sinnlos rumgehangen, wenn es mal wieder regnete, und uns ausgemalt, wie die Zukunft einmal werden würde. Über Gott und die Welt, über Politik haben wir debattiert, im Geheimen längst die Revolution geplant; ich fühlte mich geborgen und wurde langsam - endlich! - ein Teil von etwas. Ich machte meinen Führerschein, und fortan fuhren wir selbst in die Niederlande. Meistens sogar jeden zweiten oder dritten Tag, einfach aus der Langeweile heraus und wegen des Adrenalinkicks, und ich entwickelte fast einen Gottkomplex, so clever und überlegen fühlten wir uns. Wir hatten ein funktionierendes System, es war wasserdicht und narrensicher, und wir sind nie geschnappt worden. Schließlich hatte ich mit R. einen eigentlich belanglosen Streit, der aber aufgrund seiner Dickköpfigkeit dazu führte, dass ich aus unserem magischen Dreierbunde einfach herausgeschmissen wurde in diese kalte, graue Welt der Selbstisolation. Und weil R. sehr manipulativ war, gelang es ihm sogar, dass das Band zwischen L. und mir riss. Bei R. machte sich die Abhängigkeit am stärksten bemerkbar, wohl auch, weil er lieber Bong rauchte. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er völlig ausgerastet ist, als ich nicht, wie versprochen, fahren konnte, ihm aber zur Überbrückung ein geschätztes Gramm angeboten hatte - was er ablehnte, weil es in seinen Augen zu wenig war, um über den Abend zu kommen. Naja, ich war jedenfalls wieder alleine, also ging ich wieder mehr mit meiner Nachbarin zu den Leuten am Skatepark, kiffte viel, trank viel und sinnierte über den Tod. In dieser Zeit nahm sich auch ein Bekannter, mit dem ich in den Jahren davor oft etwas unternommen hatte, das Leben, und das beschäftigte mich natürlich sehr. Mich sprachen vereinzelt auch Lehrer an, was mit mir los sei, denn es fiel denen durchaus auf, dass es mir schlecht ging. Aber ich dachte, ich würde schon alleine klar kommen, kam ich bisher ja schließlich auch irgendwie.
 Vor einem Festival beauftragte ich einen Freund, etwas Speed für mich zu organisieren, denn ich machte mich ja ohnehin mit der Kifferei schon strafbar und aus meinem Leben machte ich mir auch nicht mehr viel. Wochenende durchgemacht, 5kg verloren, Erinnerungslücken inklusive - aber eine Grenze übertreten, die ich ja gar nicht hatte übertreten wollen: die hin zur Chemie.

Irgendwann, ungefähr zwei lange Jahre später, kamen L., R. und ich wieder zusammen, und es war schnell wieder alles wie früher; ich war wieder ein Teil von etwas, ich fühlte mich geborgen und geliebt und für das akzeptiert, was ich bin. Ich musste mich nicht hinter den zahlreichen Masken verstecken! Mit genau diesen beiden mir wichtigsten Personen wollte ich mir einen langersehnten Traum erfüllen: Einen Pilztrip! Die Abiturprüfungen waren vorbei, ich war also Ende 19, und das Set erst mal schlecht. Ich hatte mich für einen Ausbildungsplatz in Köln beworben, wo ich immer hin wollte nach der Schule, und hatte es zwar immerhin neben vier weiteren zum Vorstellungsgespräch geschafft, aber schon da kam die erste Ernüchterung, als man fragte, ob ich bei Verwandten wohnen könnte. Das Lehrlingsgehalt wäre zu gering gewesen, um eine Wohnung zu finanzieren, jedenfalls redete ich mir das so ein, dass das der Hauptgrund gewesen sein musste. An diesem Tag war postalisch nämlich die Absage gekommen und ich wollte es darauf anlegen, einfach hängen zu bleiben. L., R. und ich saßen auf einem Schulhof, es waren auch ein paar Skater da, die ich flüchtig kannte, und wir hatten uns gut vorbereitet; Musik, Süßigkeiten, Gras, sogar einen Notfallzettel mit Sortenangabe, eingenommener Menge und der entsprechenden Uhrzeit. Der Trip war wunderschön, und ich hatte viele Selbsterkenntnisse - für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass das alles Sinn machte, dass alles zusammenhängt und wir nur unfähig sind, dies im Ganzen zu überblicken. Ich redete sehr, sehr viel, und irgendwann war R. richtig genervt und ließ mich das auch spüren. Ich musste an den Streit denken, und hatte das Gefühl, er würde mich gerne loswerden. Also textete ich L. zu, als wir in Slow-Motion-Manier in einer gefühlten Stunde ein etwa 2m hohes Klettergerüst bestiegen (es dauerte jedenfalls so lang, dass sich die Skater über uns amüsierten). Als sie dann auch genervt war, war ich mir sicher, dass sie sich gegen mich verschworen hatten, und ich war wieder nicht Teil davon, ich war wieder "nur ich". Ich ging fort und setzte mich in ein Gebüsch, um noch ein wenig über mich nachzudenken. Irgendwann gingen wir heim, und R. meinte, er sei nun wieder runter, woraufhin ich meinte, ich könnte noch ordentlich was spüren. Er wollte mir dann einreden, dass es besser sei, wenn ich ins Krankenhaus ginge, aber die Panik, die in mir aufstieg, war eigentlich noch zu kontrollieren; ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er das mit Absicht gemacht hat oder einfach doch auch noch drauf war, aber ich hielt beide Optionen schon in dieser Situation für möglich.

Ich fing eine Ausbildung an und der Trott ging weiter: täglich kiffen, ein oder zwei Mal im Jahr einen Pilztrip, zwischendurch mal Salvia zur Abwechslung, Konzerte, am See rumhängen. Ich machte aber auch mit dem Mädel aus der Nachbarschaft noch öfters was, allein schon, weil wir uns für unsere Hollandfahrten zusammentaten und abwechselten. Ich wurde immer depressiver, auch weil mein Ausbildungsbetrieb nicht so geil war (kurz vor Ende habe ich immer noch Kaffee gekocht, Baby-Sitting betrieben und Autos gewaschen). Ich schlief keine Nacht mehr durch und hatte oft Bauchschmerzen, wenn ich zur Arbeit fuhr. Über die Skifreizeit der Berufsschule habe ich ein paar geile Leute kennengelernt und auch meinen ersten Freund, der in dem Dorf wohnte, in dem ich arbeitete; so lernte ich auch dort einen Dealer kennen, mit dem ich oft intensive und tiefgründige Gespräche geführt habe. Mein Freund und ich nahmen auch ab und zu Speed, kifften viel und haben einmal Trüffel verspeist, aber auch das war mehr Zweckgemeinschaft, und so ging es zu Ende. Auch mit der Nachbarin war es zu Ende gegangen, wieder lag es daran, dass ich spontan doch nicht fahren konnte, weil meine Mutter auf die Intensivstation eingeliefert worden war und mir das halt wichtiger war, klar. Von jetzt auf gleich war Schluss, und sie mied sogar meine Eltern, die sich ihr gegenüber immer äußerst wohlwollend gezeigt haben (unzählige Kippen, und ihr damaliger Freund wohnte dort, wo meine Ma arbeitete, so dass sie oft mitgenommen worden ist).

Während meiner zweiten Beziehung blieb ich clean, weil er mir das wert war. Aber als er eines Tages Schluß gemacht hat, da brach eine Welt für mich zusammen - ich war wirklich in ihn verliebt, ja, beinahe von ihm abhängig, statt wie bisher vom Cannabis! Ich kiffte wieder extrem viel, wurde noch depressiver und schlief kaum noch. Also kam ich zu dem Entschluss, da ich neben der Todessehnsucht nur so eine innere Leere verspürte, dass ich endlich etwas machen müsse - etwas entdecken müsse, das mir wieder mehr Lebensfreude einverleiben konnte. Ich wollte, auch wegen der an mir nagenden Trennung, mich begehrt fühlen, und so verabredete ich mich mit einem Typen, dem ich vieles verdanke; er hatte mir bereits bei unserer ersten Begegnung ganz neue Seiten an mir gezeigt und hat viele Neigungen erkannt, ohne dass ich mir dessen überhaupt selbst bewusst war. Das Treffen sollte außergewöhnlich sein, exzessiv, es sollte ein "Filmmoment" sein - solange ich den Sinn des Lebens nicht durchschaute, dachte ich, müsse ich diesen kurzen Momenten annähernder Perfektion hinterher hetzen, um nicht unter die Räder zu geraten. Also forderte ich ihn im Vorfeld auf, ein wenig Speed zu organisieren, denn ich wollte alle Hemmungen fallen lassen - ich wollte Grenzen übertreten, egal ob psychisch oder physisch, ich wollte all seine Fantasien erfüllen, ich wollte die verdammte Kontrolle verlieren und gegen gesellschaftliche Normen verstoßen. Ich wollte wissen, was ich bin, wer ich bin, und wurde von diesem Wochenende nicht enttäuscht. Als ich wieder bei meinen Eltern war - ich musste dafür durch halb Deutschland reisen - war ich immer noch vollkommen drauf, und ich hatte ein ganzes Buch im Kopf, so dass ich vielleicht nur zwei Stunden geschlafen habe; Autofahren und Arbeiten waren purer Wahnsinn, und immer wieder schweiften meine Gedanken ab und waren vollkommen bei mir und meinen Erlebnissen. Essen war purer Horror, und es hat etwa drei Tage gedauert, ehe alles wieder "normal" war von der körperlichen Seite. Aber ich war wieder zurück, gefangen in meiner trostlosen Monotonie und meiner Unzufriedenheit, und so erwischte mich das nachfolgende Tief ziemlich heftig. Meine Eltern merkten auch, dass etwas mit mir nicht stimmte, und konfrontierten mich auch mit der Frage, ob ich Drogen konsumiert hätte, was ich vehement bestritt. Ich flüchtete für das Wochenende zu L., um es mir noch einmal schön zu machen, ehe ich mich selbst einweisen ließ.

Danach war ich für ein Vierteljahr stationär in Therapie, Diagnose: Major Depression. In diesem Rahmen entschloss ich mich, meine Ausbildung zu kündigen und endlich in eine Großstadt zu ziehen, die so verlockend nach Abenteuer und Freiheit duftete. Ich habe den Leuten da ordentlich etwas vormachen können und war bestimmt nicht ehrlich, vor allem nicht mit mir selbst. Meinen Graskonsum habe ich aus Angst, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, bagatellisiert,  und mir fiel es auch nicht schwer, während der Zeit dort darauf zu verzichten. Wobei sich mir auf der Geschlossenen, die schlimmste Woche meines Lebens, die Möglichkeit einmal geboten hat, da ich die Langeweile einfach nicht mehr ertragen konnte und L. förmlich anflehte, mir etwas mitzubringen. R., der nur wenige hundert Meter entfernt wohnte, besuchte mich nur zwei Mal, und das in der ersten Woche, so dass er für mich endgültig gestorben war.  Die Finger vom Gras lassen konnte ich aber nur, weil ich wusste, dass ich es hinterher wieder tun würde. Ich war der festen Überzeugung, alles im Griff zu haben und sah mich in meiner Einstellung durch die mühelose Abstinenz sogar bestätigt. Dass sich bei mir nur eine Suchtverlagerung einstellte, ist denen wiederum gar nicht erst aufgefallen, obwohl ich ständig neue Sachen anschleppte: Ich machte sogar Witze darüber, dass ich mich nach der Therapie wegen Kauflust gleich wieder einweisen könne.

Doch gerade wegen meiner Mitpatienten kann ich sagen, dass mir der Aufenthalt dort sehr gut getan hat. Mein Verhalten wurde mir von allen Seiten gespiegelt, und das Team sah wohl seine Hauptaufgabe darin, mein Selbstwertgefühl durch Komplimente wieder aufzubauen. Medikamentös wurde ich zunächst auf 25mg Valdoxan eingestellt, später kam dann, als eine Verdopplung der Dosis an meinem depressiven Zustand nichts änderte, noch Seroquel hinzu; das war mir aber nicht so geheuer, so dass ich es zum Glück zügig wieder absetzen ließ. Zu viel Denken ist zwar auf Dauer ermüdend, aber einen Gedanken nicht mehr zu Ende denken zu können, finde ich noch viel gruseliger. Als Bedarfsmedikation hatte ich Atosil, aber als ich erwähnte, dass gewisse Dehnungsübungen des Frühsports plötzlich Schmerzen auslösten (zu dem Zeitpunkt habe ich schon wieder Handball gespielt und regelmäßig Sport betrieben), setzte der Chefarzt das mit dem Hinweis ab, dass es "muskelverkürzend wirken könne". Von dem Valdoxan habe ich eigentlich nichts gemerkt. Nach meiner Entlassung ging dann alles sehr zügig; einen Monat später wohnte ich bereits in Hamburg. Die Wohnungssuche war sehr stressig und das meiste konnte ich mir von meinem kargen FSJ-Gehalt schlichtweg nicht leisten, und außerdem wollte ich unbedingt eine Erdgeschoßwohnung haben, damit ich meinen Kater mitnehmen konnte (Freigänger). Auf eine Anzeige hin hatte ich mich dann mit meinem zukünftigen Mitbewohner am Hauptbahnhof verabredet, und weil ich bei einem Bekannten nächtigte, mit dem ich ordentlich Gras verraucht habe, sprach er mich auch gleich auf meine roten Augen an. Ich dachte: Super, passt ja - Verkehrsberuhigte Wohnung, netter und ebenfalls kiffender Typ, der sogar mit der Miete noch runterging und extrem locker wirkte. Der Altersunterschied störte mich nicht, im Gegenteil; wie bereits angedeutet, kam ich schon immer mit Älteren besser klar. Und mir war von der ersten Sekunde an bewusst, dass ich mit diesem Menschen einmal Sex haben würde. Hat dann auch nur knapp eine Woche gedauert, ehe mir diese Art sexuelle Anspannung, die in der Luft lag, zu viel wurde und ich mich ihm förmlich aufdrängen musste. Er hatte noch gefragt, ob ich das denn trennen könne - Sex und Beziehung - aber genau dafür war ich schließlich in die Großstadt gekommen. Ich wollte ficken, frei sein und ein kurzes, heftiges Leben leben. Bereits mit 13 habe ich mir geschworen, dem Leben noch zehn Jahre eine Chance zu geben und mich erst umzubringen, wenn ich, selbstbestimmt, einfach nur "ich" sein durfte und mich nicht länger hinter Rechtfertigungen und Lügen verstecken musste. Die Medikamente setzte ich eigenhändig am Tag meines Umzugs ganz ohne Nebenwirkungen oder Ausschleichen ab und gab auch die Suche nach einer ambulanten Therapie zügig wieder auf, weil bei den meisten nicht einmal etwas über Warteliste lief - außerdem ging es mir ja riesig, allein schon durch die vielen neuen Eindrücke.

Das FSJ lief direkt von Anfang an ziemlich gut, und mir war es sogar egal, dass ich jeden Tag auch noch 3h pendeln musste, obwohl ich auch knapp 11h pro Tagdienst in der Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung verbrachte. Ich hatte richtig tolle Kollegen, von denen viele auf meiner Wellenlänge schwimmen, und mein Glück war es wohl auch, dass die zweite FSJ-Stelle von einem Vollpfosten (mir fällt gerade keine treffendere Bezeichnung ein, die weiblich wäre) besetzt wurde und mir es ohnehin schon immer leichter fiel, Verantwortung für andere zu übernehmen. Ich bin sehr gewissenhaft, gerade weil es ja um Menschen ging, und habe auch viel positives Feedback zurück bekommen (sowohl fachlicher als auch persönlicher Natur, von den Klienten wie auch den Kollegen- einfach alle "liebten" mich, so kam es mir vor).

In meiner eigenen WG hingegen lief es zusehends schlechter. Wir hatten ständig Streit wegen den Aufgaben, die so im Haushalt anfielen, und er schleppte ab und zu komisches Volk an. Da ich meine Zimmertür nicht abschließen konnte, fand ich das nicht so prall, aber weil er sehr aufbrausend und mitunter aggressiv war, habe ich mich nicht getraut, das anzusprechen. Stattdessen lebten wir aneinander vorbei, auch wegen der gegenläufigen Arbeitszeiten, und ich blieb öfters länger auf der Arbeit, um ihm aus dem Weg zu gehen. Eines Tages dann aber fand ich beim Abwasch einen verkohlten Löffel, und da wusste ich: Scheiße, ich muss hier raus. Wie der Zufall es so wollte hatte eine Kollegin ohnehin noch ein Zimmer frei, das nicht nur größer und billiger war, sondern auch viel näher an der Arbeit; nur meinen Kater konnte ich nicht mitnehmen, aber der fand es sowieso nicht so lustig, dass ich ständig so lange unterwegs war wegen der Arbeit (13h alleine sein - und vorher war halt fast immer jemand da). Er lebt nun wieder bei meinen Eltern und ersetzt ein bisschen meine Rolle (nun heißt es halt "Weißt du, was der Kater schon wieder angestellt hat?!").

Als ich zwecks Graseinkauf in die Stadt fuhr, lernte ich zufällig jemanden kennen, der mich später noch zu sich und auf ein paar Nasen Koks einlud, nachdem er für mich etwas zu rauchen aufgetrieben hatte. Straßenkauf war ja irgendwie noch immer ungewohnt für mich. Es stellte sich heraus, dass sich gewisse Neigungen hervorragend ergänzten und so konnte ich, knapp ein Jahr nach meinem exzessiven Wochenende mit meinem "Mentor", endlich weiter herumexperimentieren. Ich habe ihn dann häufiger getroffen, auch weil er ebenfalls als exzellenter Spiegel fungierte, und jedes Mal haben wir dabei auch Koks gezogen, Sexdroge halt. Ich habe auch meinem Mitbewohner freudig davon erzählt, einfach weil ich mich danach so unbeschreiblich überlegen fühlte; in der Bahn grinsten schon die ersten Leute zurück, weil ich an nichts anderes mehr denken konnte und aussah wie das Honigkuchenpferd persönlich. Ich musste einfach mit irgendjemandem darüber reden. Das "Spiel" mit dem Typen öffnete mir aber irgendwann die Augen; es war keine Rolle, ich war auch im tatsächlichen Leben devot und hatte die Opferrolle inne - es ging bei mir nicht nur um Lust, sondern auch um Selbstbestrafung und mangelndes Selbstwertgefühl. Also habe ich mich wieder von ihm abgewendet. Dennoch war es eine krasse Erfahrung, weil ich völlig verrückte Dinge getan habe, und wieder viele Grenzen überschritten hatte. Für einen kurzen Zeitraum blühte ich wieder vollkommen auf!

Zwei Wochen vor meinem Auszug hatte mein Mitbewohner wieder jemanden angeschleppt, der ein paar Tage bei uns wohnen sollte. Seine Freundin hätte ihn rausgeschmissen, und er (mein Mitbewohner) müsse länger arbeiten - ob ich ihn dann reinlassen könne, wenn ich wieder daheim wäre. Ich bin halt so erzogen, dass ich dann, einem Gastgeber gleich, auch bei der Person bleibe, und außerdem hatte er einen tollen Hund, der ihn gleich sympathisch machte. Wir tranken zwei Bier, haben uns ein wenig unterhalten und schließlich kam mein Mitbewohner wieder. Die beiden verschwanden ständig ins Schlafzimmer, und ich war argwöhnisch und wollte wissen, was sie da trieben. Als es dann raus war, konsumierten sie das Heroin dann auch vor mir, aber der Bekannte sagte sofort, dass ich nichts kriegen würde, obwohl ich, nicht zuletzt wegen des Alkohols, ziemlich scharf darauf war. Was hatte ich denn schon zu verlieren? Wenn das Leben nicht perfekt ist, so will ich doch wenigstens einen perfekten Absturz hinlegen. "Zum Trost" spendierte mir mein Mitbewohner eine Line Pep, das ich aufgrund meiner Unerfahrenheit für Koks hielt, und es wurde immer später. Sein Kumpan ging irgendwann duschen und wir hatten einen Moment für uns allein, da hielt er mir plötzlich die Pfeife hin. Mir war gar nicht klar, dass das dadrauf Heroin war und kein Koks (dass man das in der Form ohnehin nicht raucht, wusste ich auch noch nicht), und der erste Zug ging eher daneben, weil ich vom Pep so einen Laberflash hatte und gar nicht richtig inhalierte. Ich dachte jedenfalls, das auf der Pfeife sei Kokain . War es aber nicht: Es war Heroin. Buhu, das große Schreckgespenst – und mir kam es so verdammt gelegen. Mein Kopf wurde leicht, beinahe wie ein angenehmes Vakuum, und mich umgab dieses wohlige Gefühl der Wärme und Geborgenheit; der Abend war so unerwartet gewesen, und durch die Drogen ließ ich all meine Masken und Ängste fallen und fing an, zu reden. Es stellte sich heraus, dass mein Mitbewohner mir in vielerlei Dingen sehr ähnlich war, und insgesamt haben wir viel gelacht an dem Abend. Sein Kumpel hat das gar nicht mitbekommen, aber immer, wenn der gerade nicht im Zimmer war, hielt mir mein Mitbewohner die Pfeife hin. Ich hatte noch einen Krümel Gras da und wollte mich so allmählich verabschieden, damit ich wenigstens noch vier Stunden Schlaf vor der Arbeit kriegen würde, aber da mein Mitbewohner mich den ganzen Abend eingeladen hatte, konnte ich dann auch nichts sagen, als er mir in mein Zimmer folgte - obwohl mir klar war, dass ich ihn aus meinem Bett nicht mehr herauskriegen würde. Die Nacht war total schräg - wir haben noch viel mehr geraucht und hatten das erste mal wieder Sex, weil ich irgendwie dachte, er erwarte das so. Ist halt irgendwas nicht ganz richtig mit mir und meiner Wahrnehmung; ich schätze, das hat seinen Ursprung in den Erfahrungen mit meinem Großvater und zog sich im Laufe der Jahre und endlosen One-Night-Stands irgendwie so fort.  Mein alter Mitbewohner ist eher Kategorie Täter; wir haben uns gefunden, ohne dass wir uns gesucht haben. Wir haben beide ein Problem mit Sex: Er ist zu triebhaft, ich kann’s nicht anzeigen, wenn der Punkt überschritten ist. Das schlägt urplötzlich um. In der einen Sekunde ist es noch herrlich, dann denke ich wieder an meinen Großvater oder dass ich ja doch nur Objekt bin, und dann liege ich regungslos da und kann allenfalls noch über meine Tränen anzeigen, dass da gerade irgendwas gar nicht in Ordnung ist.

Ich habe den ganzen nächsten Tag gehofft, dass der folgende Abend genau so würde, wusste aber genau, dass ich das nicht explizit vor den beiden erwähnen würde. Aber er verlief genau so; Heroin, Alkohol, Hasch, Sex.

Ein paar Tage später, nachdem wir eine Pause eingelegt hatten, brachte mein Mitbewohner dann auch noch Crack mit, und wir rauchten beides im Wechsel. Sein Kumpan gab mir auch noch ein bisschen Heroin aus in dem Glauben, dass das mein erstes Mal sei - ich wäre ja so heiß drauf, und würde es doch irgendwann probieren, so in etwa seine Worte. Danach folgte dann der Auszug und ich war beinahe ein bisschen traurig, denn die letzten 2 Wochen in meiner alten WG hatten ein bisschen etwas von 'Kommune'; mir machte es nichts aus, nackt durch die Wohnung zu laufen, und überhaupt war alles ziemlich familiär. Kaum war ich ausgezogen, kam auch noch ein weiterer Typ dort unter, der frisch nach seiner Herz-OP aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ex-Crashkid, Junkie - und eines morgens gab er mir auch einen Zug Schore aus, weil er davon ausging, ich würde ihm das dann schon in Naturalien bezahlen. Er hatte die Sache zwischen meinem Ex-Mitbewohner und mir falsch eingeschätzt, und dachte wahrscheinlich, dass ich schon so drauf wäre, dass ich zu allem bereit wäre. Wir, also mein Ex-Mitbewohner und ich, haben allerdings immer mehr miteinander geredet, ehrlich und auf Augenhöhe, und konnten immer mehr Gemeinsamkeiten ausfindig machen. Die Wochen danach waren dann konsumtechnisch sehr heftig, und irgendwann gab es dann den ersten Kokain-Heroin-Konsum i.v.; bis heute - leider - das geilste Gefühl, das ich kenne. Dein Puls wird schneller, du merkst, wie beide Substanzen gegeneinander ankämpfen, und dann kommt das Koks durch. Nasal ist die Wirkung, wohl auch aufgrund der schlechten Qualität, nicht zu vergleichen. Der Körper wird warm, fast unerträglich warm, und neben einem flauen Gefühl im Magen fängt es in den Ohren an zu surren. Nach dem Laberflash fängt das Heroin dann das eiskalte Herunterkommen vom Kokain auf und macht alles warm und angenehm. Ich nahm in der Zeit einfach alles, was ich in die Finger bekam; ich lernte nun auch erste Bezugsquellen außerhalb der Straße kennen, und so war ich jeden Tag auf irgendeiner Substanz, wenigstens auf Weed. Egal ob MDMA, Liquid E, Speed, Pilze - ja, sogar meinen langersehnten Wunsch LSD konnte ich mir endlich erfüllen, und so habe ich das Gefühl, allmählich am Ende meiner Reise angekommen zu sein.

In der Kneipe habe ich dann einen Typen getroffen, den ich flüchtig noch von meinem letzten Besuch dort in Erinnerung hatte; er war mir sympathisch, und auch er erkannte mich wieder, so dass wir den ganzen Abend geredet haben. Ich war auf Pilzen, und er strahlte auch noch so eine angenehme Ruhe und Wärme aus, als könnte er mich beschützen. Die Zeit flog nur so, auch als ich ihn ein paar Tage später, bei unserer ersten Verabredung, wieder traf. Es war mir Ernst mit ihm, und so habe ich meinen Ex-Mitbewohner darüber aufgeklärt, dass unsere Vereinbarung vorerst einmal ruhen müsse, selbst wenn ich noch nicht ausdrücklich in einer Beziehung war. Wir mussten die Grenzen neu definieren, und das führte natürlich zu einigen merkwürdigen Situationen. Da ich bei ihm übernachtet habe und wir uns, wie üblich, ein Bett teilten, machten wir ab, dass ein bisschen Kuscheln in Ordnung gehe. Schließlich mochte ich ihn auch sehr und wollte ihn nicht verlieren; wir waren doch extra nur "Freunde mit gewissen Vorzügen" geworden, damit alles einfach unkompliziert bleibt (jaja, wie naiv - Sex erschwert's immer). Und an Heroin kam ich selbst nur in der Theorie, die Praxis überließ ich, nicht zuletzt wegen seiner Verhandlungskünste, ihm; bis heute habe ich diese Hemmschwelle noch nicht übertreten und gehe davon aus, dass das die cleverste Idee war, die ich im letzten Jahr hatte. Mit L., die übrigens auch heute noch immer in der gleichen Stadt wohnt wie ich, kuschelte ich doch auch, und es kam auch zu keinen weiteren Zwischenfällen. Vorerst jedenfalls.

Als er bei mir übernachtete, brachte er wieder allerlei Drogen mit, und seine Triebe hat er allenfalls nüchtern unter Kontrolle. Mir ging es scheiße, und ich wollte seine Gesellschaft haben, weil er mir seit jener Zeit der nächste Mensch war. In der Zwischenzeit war ich übrigens an der Uni eingeschrieben und noch hochmotiviert, aber auch vollkommen überfordert. Mein Mitbewohner wollte auch bei mir pennen, weil es mit Nachtbus echt nervt, durch die ganze Stadt zu müssen, und so lagen wir nebeneinander, vollkommen zugedröhnt. Ich hatte mir auch noch 2mg Tavor und Bier in den Kopf gehauen, weil ich unbedingt schlafen wollte - endlich mal wieder schlafen. Nicht denken - schlafen. Ich lag auf der Seite, auf der ich immer liege, und wollte ihn eigentlich an der Schulter streicheln, um ihm meine Dankbarkeit zu zeigen, dass er mich nicht alleine gelassen hat in meinem Tief. Reden konnte ich schon gar nicht mehr, viel zu anstrengend. Da kam ich nur leider nicht im Ansatz hin, sondern berührte ihn stattdessen an der Hüfte. Er fing daraufhin an, mich zu streicheln, und das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war, dass ich mehrmals vehement seine Hand wegschob und auch mit letzter Kraft "Nein" sagte. Dann war ich weg.

Am nächsten Morgen hat es immer noch nach Sex gerochen, und ich habe ihn dann auch direkt gefragt, ob da was gewesen wäre. Ich kam da überhaupt nicht drauf klar, weil ich nichts davon mitbekommen hatte, und das machte mir ein bisschen Angst. Außerdem war ich wütend, weil wir vorher ja extra darüber geredet hatten und er wusste, wie wichtig mir das war, treu zu sein. Es kam mir so vor, als hätte er sich einfach wieder das genommen, was er wollte, ohne über die Folgen nachzudenken, ja, oder es sogar wohlwollend in Kauf zu nehmen, dass meine Seifenblase zerplatzt. Ich stand total neben mir, die ganzen nächsten Tage noch, und musste oft mit den Tränen kämpfen. Auch fühlte es sich fremd an in meiner Haut, und ich kam mir vor wie ein Verräter. Aus der keimenden Beziehung wurde nichts, kann man sich ja vorstellen bei dem ganzen Gefühlswirrwarr. Und ich wusste gar nicht mehr, wie ich jemals wieder klar kommen soll; bin einmal sogar auf MDMA in die Uni,  bis ich ihm schließlich eine bitterböse E-Mail geschrieben hatte und in seiner Antwort  dann erstmalig das Wort "Liebe" auftauchte. Ich war verwirrt; ER hatte doch mich gefragt, ob ich das trennen könne, und nun waren auf einmal Gefühle im Spiel. Dass dem auch meinerseits so war, ist mir erst rückblickend klar geworden, denn wir hatten nach dieser Nacht etwa 2 Wochen gar keinen Kontakt mehr. Ob ich nun wegen der Nacht so neben mir stand, oder weil ich ihn liebte und gleichzeitig verloren zu haben schien, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Fakt jedenfalls ist, dass es mir schlagartig besser ging, als wir uns wieder versöhnt hatten und über die Nacht gesprochen haben.

 Ich bin müde, denn ich sehe keinen Sinn im Leben, scheine nicht einmal mehr Träume zu haben, die mich motivieren könnten. Das einzige, was mich die letzten Jahre gehalten hat, war mein mir auferlegter Schwur sowie das schlechte Gewissen meinen Eltern und Freunden gegenüber, das ich niemals loswerden kann. Alles, was ich für sie noch tun kann, ist, das ständige Bangen und Sorgenmachen zu beenden.

Auch in Hamburg war ich für ein paar Wochen in der Klapse, und nun ist es offiziell, was ich ohnehin vermutet hatte: Ich bin nicht nur depressiv, sondern habe auch noch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung mit Tendenzen zum Narzissmus. Auf eine Art und Weise habe ich das Gefühl, viele Zusammenhänge erkennen zu können - warum ich in einigen Punkten so bin, wie ich bin. Mein Gehirn arbeitet ziemlich analytisch und versucht überall Muster und Regelmäßigkeiten zu erkennen. Ich habe einfach zu früh schon zu viel Scheiße erlebt, bin schon als Kind ein Außenseiter gewesen und habe unter dieser Isolation mein Leben lang gelitten; ich schätze, ich bin auch hypersensibel. Was blieb mir anderes übrig, als zu der Erkenntnis zu kommen, dass das "ich" nicht liebenswert sei? Ich fing an, aus Selbstschutz heraus Masken zu tragen, schon als Kind habe ich einfach zu viel über mein Verhalten und dessen Wirkung nachgedacht. Es konnte nicht einzig und allein daran liegen, was mein Großvater mir angetan hat, denn das kam schließlich erst in der Pubertät und brachte das Fass dann wohl endgültig zum Überlaufen.

Meine Eltern haben mir immer den Eindruck vermittelt, dass es meine Schuld sei, wenn ich keine Freunde finden würde; ich solle mich halt anpassen, haben sie gesagt. Aber ich wollte mich nicht anpassen, ich wollte nicht so oberflächlich werden wie die meisten Menschen an meiner Schule - es gab auch Lehrkräfte, die da nichts besser waren. So hat eine Lehrerin, bei der ich niemals Unterricht hatte, vor einem Kurs von älteren Bekannten, die das Bus-Martyrium mit mir teilten, behauptet, ich würde mein Abitur sowieso nicht packen, als ich rein zufällig am Fenster vorbeilief. Ich hatte mit ihr einmal eine Auseinandersetzung, als ich NACH der Schule AUSSERHALB des Geländes IM GESETZLICH ERLAUBTEN ALTER eine Kippe geraucht hatte und ihr partout nicht sagen wollte, wie ich hieß und in welche Klasse ich ging, da ich es nicht einsah, den Schulhof für nichts fegen zu müssen. Musste ich dann auch nicht, aber die Frau fühlte sich anscheinend persönlich angegriffen, dass sie mir jungen Schülerin gegenüber machtlos war, keine Ahnung. 'Katholische Privatschule' sagt ja im Grunde genug, und ich fiel auch optisch irgendwie aus dem Raster (kurze, knallrote Haare, provokante Band-T-Shirts, wie das halt so geht, wenn man sich von seinem ungesunden Umfeld abgrenzen will). Ich wurde, wie mir mehrere Personen unabhängig voneinander berichteten, gerade aufgrund meiner Andersartigkeit von den meisten Mitschülern zumindest akzeptiert, teilweise sogar bewundert, und das habe ich nur nie wahrgenommen und mich ja am Ende freiwillig immer mehr distanziert.

Meine Ma hat bei ihren Streifzügen durch meine Schubladen auch mehrmals Gras gefunden, und man drohte mir bei dritter Wiederholung bereits mit Rausschmiss. Hätten sie mal tun sollen, dann wäre es mir vielleicht noch gelungen, die Kurve zu kratzen. Aber ich wusste, dass sie das niemals übers Herz bringen würden, und ich fühlte mich, wie gesagt, im Recht. Meine Eltern hatten gar keine Ahnung vom Kiffen und wollten mir einreden, dass das Gras mit Heroin gestreckt sei – wie hätte ich sie da auch ernst nehmen sollen? Die einzige Konsequenz war dann letztlich ein Gang zur Drogenberatung, als ich 18 war. Dort erfuhr ich dann, dass meine Grundschullehrerin meinen Eltern damals nahegelegt hatte, mich auf eine Hochbegabtenschule zu schicken, und ich muss zugeben, dass ich diese Information noch immer nicht so richtig verdaut habe. Schließlich hatte man mir also bloß eine Pseudowahl zwischen der Orientierungsstufe und zwei katholischen Gymnasien gelassen, "weil die von dem Internat am Telefon schon so kühl geklungen haben". Schlimmer aber noch, dass ich plötzlich den Grund kannte, warum ich anders war - es war keine Einbildung, sondern Tatsache, und es war keine Krankheit, sondern bloß einen Hauch zu viel an Sensibilität. Ich frage mich oft, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich früher davon gewusst - ich hätte die Ausgrenzung vermutlich viel besser ertragen. Ich hätte mir vor allen Dingen nicht einreden lassen, dass es "meine Schuld" ist, wenn es doch Faktoren waren, auf die ich keinen Einfluss hatte. Aber ich gab mir selbst für das, was mein Großvater mir angetan hat, die Schuld - weil er mich herausgepickt hatte, nicht meine Schwester oder meine Cousinen, sondern nur mich. Es musste also offenbar an mir liegen, ich schien es für irgendetwas "verdient" zu haben. Ich glaube im Nachhinein, dass ich mich einfach zu früh mit der Rolle des 'schwarzen Schafes' angefreundet habe (meine Tante soll mich tatsächlich so bezeichnet haben, und meine Cousine hatte es mitbekommen und mir erzählt). Vielleicht sogar auch hier nur Erwartungen erfüllt habe, obwohl ich doch überzeugt war, es handle sich um Rebellion. Es ist für mein weiteres Leben auch ziemlich bezeichnend gewesen, dass ich mir mit vierzehn das chinesische Zeichen für „Schuld“ auf den Oberarm ritzte, denn diesen ewigen Schuldtrip bin ich Zeit meines Lebens nie losgeworden. Erst wurde ich von außen dazu genötigt, etwas zu verschweigen und zu diesem Zwecke auch mal zu lügen, und dann hatte ich mich auch schon so daran gewöhnt, dass es einfach zur Routine wurde und ich immer die passende Rechtfertigung parat hatte. Masken helfen davor, tief drinnen verletzt zu werden.

Aber zurück zur jüngeren Vergangenheit bis hin zur Gegenwart! Es ist teilweise schwierig, chronologisch vorzugehen, da einige Erkenntnisse verständlicherweise erst viel später kamen und mich die Dinge aus einem anderen Blickwinkel heraus erleben lassen. Wenn mich Drogen, insbesondere die psychedelischen, eines gelehrt haben, dann, wie relativ doch so irdische Maßstäbe wie etwa die Zeit sind. Meine Fächerwahl an der Uni (Philosophie / Deutsche Sprache und Literaturwissenschaften) stieß meine viele Grübelei noch an, denn auf einmal musste ich mir so Fragen stellen wie: Habe ich mich eindeutig ausgedrückt oder bleibt Raum für Missverständnisse? Was meine ich, wenn ich das sage - und meint mein Gegenüber wirklich das gleiche, was ich denke, was er meint? Mir wurde bewusst, wie undurchsichtig Kommunikation eigentlich ist, obwohl ich auch schon Bücher über Körpersprache und Manipulation gelesen habe (einfach weil ich das Gefühl hatte, auf diesem Gebiet etwas nachholen zu müssen, was für andere selbstverständlich sei - Das Buch über Manipulation offenbarte nichts Neues, aber ich habe ja ohnehin narzisstische Tendenzen, wen wundert es da...). Und viele Sachen fand ich einfach zu abstrakt, da das Hauptbestreben der Sprachphilosophie zu sein scheint, aus einer natürlichen eine eindeutige, formale Sprache zu machen. Ich kam einfach aus dem Denken gar nicht wieder heraus, und ich glaube, dass da auch der LSD-Konsum seinen Teil zu beigetragen hat und ich in gewisser Weise vielleicht sogar ein bisschen darauf kleben geblieben bin, gerade auf dieser Selbstreflektionsschiene. Psychedelische Drogen sind in meinem Empfinden ein leichter Vorgeschmack von Omnipotenz: man hat auf einmal alle mögliche Blickwinkel auf eine Sache, kann sogar sich selbst objektiver betrachten und mitunter kann es so verworren werden, dass es an Wahnsinn grenzt. Einmal, als ich etwa einen Esslöffel voll kleingebröselter, getrockneter Pilze zu mir nahm, hatte ich wirklich Angst, nie wieder runter zu kommen, und das war ein ganz anderes Gefühl, als ich es erwartet hatte (Klebenbleiben schien mir bis dahin das Beste, das mir passieren könnte). Bei jeder Handlung, sogar bei jedem Gedanken zweifelte ich daran, ob das nach außen hin noch "normal" wirkte, denn erstmals wurde mir mit vollem Umfang bewusst, dass ich gar nicht der Mensch war, der ich zu sein glaubte. Dass ich vielmehr lediglich Erwartungen von außen erfülle, weil mich ja am besten alle mögen oder wenigstens akzeptieren sollen, und ich folglich bei dem Versuch, allen und allem gerecht zu werden, unmöglich ich selbst sein konnte. Ich war auch physisch dem Delirium sehr nahe und lag, beinahe sabbernd, auf dem Sofa und konnte mich kaum rühren, selbst das Atmen wurde zur Last. Voran gingen schließlich unzählige, ewig wirkende Lachflashs, die so heftig waren, dass mir mitunter der Rotz nur so aus der Nase schoss. Überhaupt war da so unendlich viel Schleim, den ich ausgehustet oder ausgerotzt habe, mindestens ein halber Liter! Ich malte mir aus, wie es sein würde, mich in Zukunft noch mehr darum kümmern zu müssen, ob ich nach außen hin "normal" wirke, denn alles schien einfach absurd; egal, was ich machte, ich kam mir dabei sehr merkwürdig vor. Die Musik schien den Trip irgendwie an diesem Punkte auch nur noch ins Lächerliche zu ziehen, gar so, als verharmlose sie die ganze Sache, um mich noch zu verhöhnen.

Mit meinem Mitbewohner wurde die Sache dann immer ernster. Ich durfte den Menschen hinter seiner Fassade kennenlernen, und wir haben aneinander soweit an uns herangelassen, dass es ohne nicht mehr geht. Wir sind uns in vielen Dingen so ähnlich und in elementaren Dingen dann auch wieder so unterschiedlich wie schwarz und weiß, und gerade deswegen harmonisiert das so gut. Es ist im Gleichgewicht, wir sind beide von Grund auf ehrlich miteinander, und vor allem wissen wir beide von der Verantwortung, die sich aus dieser Art des Kennenlernens ergibt. Naja, und dann hab ich das Problem gehabt, dass wir eben aufgrund unseres Altersunterschiedes auffallen, und von außen betrachtet wird doch niemand verstehen, was das zwischen uns eigentlich ist. Mein Lebensmotto war immer eher „auffällig unauffällig“, jedenfalls seit ich mit Drogen zu tun habe. So, zurück zu meinem Schwur, den ich mir selbst im zarten Alter von dreizehn Jahren auferlegte; er kam einem Fluch gleich, denn ich hab im Kern der Sache nie über einen Plan B nachgedacht. Für mich stand immer fest, dass mich hier nichts weiter hält außer dem schlechten Gewissen, vor allem meinen Eltern gegenüber. Nun plötzlich hatte ich also eines der einfachsten Tickets ins Jenseits vor Augen: Den goldenen Schuss. Injizieren lassen hab ich mir das Zeug selten, und wenn, dann auch immer als (wahrlich noch gefährlichere) Kombination mit Koks, und ich selbst hab da auch nicht so das Talent für. Einmal gab es beim Fixen eine riesen Sauerei, und beim zweiten Mal musste ich auch oft einstechen, ehe ich eine Vene fand. Er hingegen beherrscht es besser als so mancher Arzt. Wir haben oft nebeneinander gelegen und uns so ehrlich unterhalten, gerade wegen der Drogen. Ich hab ja immer Angst vorm „Ich“ sein, und trage stets aus dem Selbstschutz heraus eine Maske, bin immer viel zu kontrolliert und bedacht. Das war übrigens sein eigentlicher Beweggrund, warum er mich „drauf brachte“: Er wollte „mich“ kennenlernen. Ihm tat es aber auch bald Leid, als er merkte, dass da mehr war zwischen uns als nur der gute Sex. Ich habe ihm gesagt: Mach mich kaputt, benutz‘ mich und schmeiß mich weg, ich hab sowieso schon aufgegeben. Du darfst mich kaputt machen. Und irgendwann sagte er dann mal zu mir, dass ich ihm zu schade sei für diese ganze Scheiße, und ganz subtil griff er hier und dort mal eine Braut auf, die wirklich drauf war, um mich abzuschrecken. Mädchen, die kaum älter waren als ich, aber Augenringe hatten wie ein Greis. Mädchen, die sich auf die Straße stellen und sich selbst verkaufen; ja, die Nummer hab ich Übrigens auch durch mit dem Verkaufen, aber bei mir lief es ein bisschen anders und vor allem aus anderen Motiven heraus statt. Den Typen hab ich in einer Kneipe kennengelernt, und er hat mich zum Ziehen mit auf die Toilette genommen, Koks halt, DIE Sexdroge schlechthin. Wir fingen also an, uns über Sex zu unterhalten, und ich war eh schon rotzevoll, hatte ordentlich Speed und Koks gezogen und Bier getrunken (obwohl wir eigentlich nur ein bisschen Gras kaufen wollten), und so endete das Gespräch, dass er meine Nummer abspeicherte unter der Bezeichnung „käuflich, tabulos“ oder irgendwie so. Ich mochte ihn, ansonsten wäre es nie in Frage gekommen. Und mir ging’s in erster Linie um die tatsächliche Realisation des Gefühls, nur ein Objekt zu sein: Erstmalig wurde mein Gefühl zur Realität und Sex nur zur Dienstleistung. Das waren immer nette Abende bei ihm, Rotwein, Koks – entspannte Atmosphäre, manchmal sogar schon ein wenig kitschig mit Kerzengedöns. Dass er direkt auf dem Kiez wohnte, war meinem Kopfkino besonders zuträglich. Geiles Gefühl, da zwischen all den Professionellen langzulaufen mit dem Wissen, dass ich mir weder Angst machen muss noch mir die Beine in den Bauch stellen muss – und dass ich eben eine freie Wahl hatte, wie viele von denen vermutlich nicht. Aber zurück zu jenem Menschen, der mich so wahnsinnig liebt, dass er sogar bereit war, mir bei meinem Ableben zu helfen. Ich hatte noch richtig Stress an dem Tag, weil ich’s bei einem Bekannten angedeutet hatte, und der ging direkt zur nächsten Polizeiwache. Ende vom Lied: Ich musste im Park auf die Bullen warten, hab denen eine gute Show hingelegt, wurde gratis zum Hauptbahnhof befördert und war überrascht, wie einfach es war. In der Zwischenzeit hatte er das Gift, wie’s auch so schön heißt, besorgt, und für mein Ableben war eigentlich alles geplant. Er hätte mich trotz allem ziehen lassen, obwohl er gar nichts mehr gehabt hätte, wenn ich weggewesen wäre. Wir haben also den Abend über wie sonst auch immer erst mal per Blech konsumiert, auf Alufolie, so dass ich schon einen guten Spiegel von dem Zeug im Blut hatte. Meine Toleranzgrenze ist ja recht niedrig, wenn man sie mit einem Abhängigen vergleicht, und ich hab es einzig und allein der schlechten Qualität zu verdanken, dass ich noch da bin; oder dem Zufall, dass ich gerade nicht auch noch Benzos zur Verfügung hatte, denn in der Kombination wäre ich jetzt sicher nicht mehr da. Er hat mir den Schuss gesetzt und ich weiß noch, dass ich sagte: Ich liebe dich, und es tut mir so verdammt Leid. Dann bin ich nach hinten herüber gekippt und war bewusstlos, keine Ahnung wie lange; ich hätte jetzt auch genau so gut im künstlichen Koma liegen können, denn bevor er sich sein Bewusstsein raubte, um das selbst überhaupt irgendwie zu ertragen, hatte er noch einmal zu mir herüber geschaut und gesehen, dass ich bereits blau war im Gesicht. Atemdepression halt. Ich war unmittelbar an der Grenze zum Jenseits, und kranker Scheiß – eine Überdosis Heroin ist so einfach. Du merkst gar nichts, absolut rein gar nichts. Bist einfach weg vom Fenster und wachst halt auf oder auch nicht, und es waren knappe anderthalb Gramm, die er mir reingejagt hatte. Tja. Und dann bin ich aufgewacht.

Ich habe es zunächst als Wink des Schicksals betrachtet, weil ich eben genau an der Grenze zum Tod war und irgendetwas in mir dem Leben noch eine Chance geben wollte. Aber ich bin allmählich am Ende, und es schmerzt sehr zu wissen, dass ich auf ewig ein Underachiever bleiben werde, einfach weil ich eine Heidenangst vor dem Leben als solches habe und mich zugleich nicht damit zufrieden geben kann, ein „normales“ Leben zu führen. Ich weiß, dass ich gut mit Worten kann, aber mir ist leider auch bewusst, dass ich mein Potenzial niemals ausschöpfen werde, auch aus der Angst heraus zu versagen und doch nicht so besonders zu sein, wie ich es mir die letzten Jahre immer einzureden versuchte („I’m just a fucking genius, and it’s as simple as that“ war lange Zeit das Mantra, das mich am Leben hielt – nur mit dieser notwendigen Arroganz konnte ich dieses wahnhafte,  kranke Leben da draußen überhaupt noch ertragen). Außerdem werde ich sowohl mit dem Borderline als auch mit der Sucht ein Leben lang zu kämpfen haben, und ich habe das Gefühl, ich musste einfach viel zu früh mit dem Kämpfen anfangen. Innerlich bin ich schon längst tot, und mein Treibstoff ist das Heroin, obwohl ich körperlich vom Entzug erst ein paar Mal etwas gemerkt habe. Ich habe es wirklich versucht, habe mein Studium abgebrochen und besuche nun zwecks Ausbildung, auf die ich eigentlich richtig Bock hab, eine Schule, die mir bisher viel Spaß macht. Meine Klasse ist super, ich bin sogar ein Teil von ihr, so vom Gefühl her, und eigentlich könnte doch alles so toll sein! Sogar vier Monate ins Ausland würde ich gehen, finanziert von der EU; aber die Frage ist halt, wie lange ich dieses Doppelleben noch aufrecht erhalten kann. Finanziell geht es steil bergab, und ich bin es einfach Leid, das Leben nur monochrom wahrnehmen zu können. Es gibt zwar viele kleine Momente von Glück – weil ich so viele Kleinigkeiten entdecke, die den meisten Menschen vermutlich völlig verdeckt bleiben – aber es hält sich mit dem negativen Empfinden einfach nicht die Waage. Stichwort self-fulfilling prophecies, könnte man sagen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich pessimistisch bin oder einfach nur Realist, denn Fakt ist doch, dass da draußen einfach viel Scheiße abgeht und einem selbst die Hände gebunden sind. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass ein Mitmachen einem stillschweigenden Einverständnis gleicht, und das erinnert mich zwangsläufig an eines der dunkelsten Kapitel Deutschlands. Statistisch gesehen hätte ich bestimmt eine gute Chance, zu rehabilitieren, aber ich weiß bis heute nicht, ob ich das überhaupt will. Mir bleibt nur die leise Vorahnung, dass es immer weiter bergab geht – einfach weil mein Leben insgesamt eine einzige Talfahrt zu sein scheint. Ich meine, ich bin nicht dumm, im Gegenteil, und trotzdem (oder gerade deswegen?) bin ich der Droge verfallen. Es hilft mir einerseits, die ganze Scheiße einfach auszublenden und so zu funktionieren, wie man es von mir erwartet, und gleichzeitig mache ich mich damit kaputt. Und all das macht mich in meinen Augen einfach zu einem verabscheuenswürdigen Wesen, weil ich mir ja bewusst bin, wie viel ich damit kaputt mache – nicht nur bei mir, auch bei meinen Eltern und bei meinen Freunden. Es mangelt mir ja an nichts, und trotzdem bin ich unzufrieden. Aber das sehen alle Menschen, die mir wohl gesonnen sind, gar nicht, denn ich habe das Maskentragen im Laufe meines Lebens perfektioniert. Ich bin und bleibe ein Bild, nicht ich selbst, denn im Grunde weiß ich nicht viel Gutes über mich zu berichten. Dafür, dass ich intelligent bin, kann ich nichts, das habe ich meinen Eltern und Lehrern zu verdanken. Toleranz ist für mich einfach am rationalsten, schließlich will ich ja auch bloß akzeptiert werden. Aber offen reden ist natürlich nicht drin, die Sucht ist bloß ein weiteres Geheimnis, das es mit aller Kraft zu verbergen gilt.

Naja, das ist jedenfalls meine Geschichte. Mit Heroin habe ich nun seit etwa anderthalb Jahren regelmäßig, also zumindest einmal wöchentlich, zum Ende hin mehrmals die Woche, zu tun. Trotzdem hatte ich immer noch genügend Schamgefühl und habe mich nicht an die Straße gestellt, getickt oder irgendetwas geklaut. Außerdem bin ich bis heute nicht aufs Fixen umgestiegen, wie gesagt, ich hätte bestimmt das Potenzial, etwas in meinem Leben zu erreichen – wäre da nicht die ewig an mir nagende Frage nach dem Sinn. Es wird langsam eintönig mit der Droge, und doch kann ich nicht die Finger von ihr lassen. Die Todessehnsucht ist mir ein täglicher Begleiter, schon seit meiner Pubertät kann ich es kaum erwarten, dass es endlich aufhört und ich zur Ruhe komme. Dabei macht mir die Schule wirklich Spaß, und ich merke immer öfters, dass nun auch Gleichaltrige meine Intelligenz zu schätzen wissen. Aber all das reicht nicht aus, diese innere Leere zu stopfen – immer wieder überkommt mich dieses Gefühl tiefer Einsamkeit, auch wenn ich von geliebten Menschen umgeben bin. Es ist wie ein eiskalter Schauer, der dein Herz ergreift und dir bewusst macht, dass Einzigartigkeit einen sehr hohen Preis hat - nämlich den, auf ewig unverstanden zu bleiben.
Mir ist natürlich bewusst, dass der Selbstmord keine Lösung ist, aber er ist zumindest eine Option. Aber wahrscheinlicher ist es, dass ich irgendwann ganz unten lande und dafür schlichtweg zu feige bleibe, auch wenn eine Überdosis erschreckend einfach wäre. Zu mal wir immer eine ordentliche Qualität beim Material haben. Ich weiß einfach, dass ich zu schwach sein werde, dass ich dieser Droge auf ewig verfallen bin und mit dem Teufel höchstpersönlich einen – leider lebenslangen – Pakt geschlossen habe, der die Dämonen in mir und diese unbeschreibliche Finsternis noch nährt.
 

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  • Drogen allgemein

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Kommentare

Kommentar von ili |

krasse geschichte

krasse geschichte

das leben ist komisch, du musst auch nicht auf teufel komm raus daran festhalten, aber geh nicht wegen all der dummen menschen

ich denke , ohne dich gibt es eine von den guten weniger auf der welt

schreib einfach weiter. das kannst du gut. du erfährst doch auch die dinge die schön sind auf der welt, spürst, das es da noch was gibt, vielleicht lohnt es sich ja dafür. zu lernen das zu genießen. und ja sich vielleicht auch n bisschen selbst zu bescheißen hin und wieder, also nen sinn fürs leben zu erfinden, bzw. ab und zu nicht danach zu fragen, um auszuruhen. das ist auch ok. macht dich nicht zu nem schlechteren menschen. und das halt auch ohne substanzen. zumindest so , dass die dann auch wieder sinn machen.

naja, keine ahnung. trotzdem hoffe ich irgendwie, dass du dein glück findest. grad hast du noch genug kraft. pass auf, dass die drogen dir nicht zu viel wegehmen

Kommentar von Pete |

hat mich bet

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